Credit: Thomas Hirsch-Hueffell

Was bedeutet Kirche im Dialog?

Ein Gespräch mit Dr. Emilia Handke, Leiterin von „Kirche im Dialog“ in der Nordkirche, über schwer erreichbare Zielgruppen, neue Kommunikations- und Begegnungsformate und warum sie mindestens einmal täglich durch ihren Instagram-Feed scrollt. Emilia Handke ist Expertin für Kirche in einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Sie wird ab April 2023 für die Ausbildung künftiger Pastor*innen verantwortlich sein und die Leitung des Prediger- und Studienseminars in der Nordkirche übernehmen.

Gab es „Kirche im Dialog“ schon, bevor Du im September 2018 die Leitung übernommen hast?

Ja und nein: In der Nordkirche existierte schon früh ein Gespür dafür, dass wir uns stärker mit dem Kontext wachsender Kirchenferne beschäftigen müssen, weil wir von ihm lernen können, wie wir heute Kirche sein sollten. 2011 bis 2016 gab es in Rostock die Arbeitsstelle „Kirche im Dialog“ – das war eine Art Vorläufer. Die Kolleg*innen haben sich mit ersten kleinen empirischen Studien der Aufgabe angenähert. Aber die große Frage, was man denn jetzt konkret tun soll, die blieb. Nach der Evaluation in Rostock wurde „Kirche im Dialog“ in Hamburg neu gegründet.

Wie ging es dann weiter?

Ich durfte das Konzept von „Kirche im Dialog“ weiterentwickeln und hatte weitgehend freie Hand bei der Ausgestaltung. Dadurch konnte ich viel ausprobieren, experimentieren und lernen. Für mich sollte „Kirche im Dialog“ keine bloße Beratungsstelle sein, sondern vor allem ein Inspirationswerk, von dem ganz konkrete Impulse für Gemeinden und andere kirchliche Orte ausgehen. Diese Impulse können andere für ihre Arbeit nutzen und für ihren eigenen Kontext vor Ort adaptieren. Mir war damals klar, dass der Mehrwert von „Kirche im Dialog“ die Anwendbarkeit vor Ort sein muss: Was können wir tun, um für mehr Menschen „das Evangelium“ sichtbar und verstehbar zu machen? Wie kann der eigene Stadtteil spüren: Was Kirche macht, das hat wirklich etwas mit meinem Leben zu tun?

Wenn ich mir Deinen wissenschaftlichen Lebenslauf ansehe, bin ich mehr als beeindruckt: Theologie- und Philosophie-Studium, Promotion und viele weitere Publikationen. Gleichzeitig erlebe ich Dich als ein Mensch der Praxis. Wie bringst Du das zusammen?

Für mich war es immer ein Privileg, die großen Fragen der Menschheit von unterschiedlichen Seiten betrachten zu dürfen: als Frage der Philosophie und der Theologie, als Frage der Theorie genauso wie als Frage der Praxis. Im Zuge meiner Promotion ist bereits die erste starke Verbindung zur Praxis entstanden: Ich wollte auf keinen Fall ein Buch schreiben, das im Schrank verstaubt. Sondern etwas erforschen, was für andere hilfreich ist, was der Kirche insgesamt hilft. Bei mir war das eine historische, systematische und empirische Untersuchung über die Feier der Lebenswende.

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Dr. Emilia Handke

Pastorin

leitet ab April 2023 des Predigerseminars in der Nordkirche. Von 2018 bis 2023 war sie verantwortlich für den Neuaufbau des Innovationszentrums „Kirche im Dialog“. Wichtige Kooperationsprojekte waren dabei u.a. die Gründung der Hamburger Ritualagentur „st. moment“, der Aufbau der Materialdatenbank „Liturgien der Verheißung“, die Wohnzimmerkirche oder die Pop Up Church. Sie wurde 1986 an der Mecklenburgischen Küste geboren, ist im Theologie- und Philosophiestudium den großen Fragen der Menschheit nachgegangen und hat an der Forschungsstelle für Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse in Halle an der Saale über kirchliche Rituale für konfessionslose Familien promoviert. Anschließend forschte sie an der Philipps-Universität Marburg zu den Veränderungen der kirchlichen und nichtkirchlichen Bestattungskultur. Sie ist Autorin zahlreicher Texte und einiger Bücher.

https://www.kircheimdialog.de/

Worum geht es bei dieser Feier?

Die Feier der Lebenswende ist eine kirchlich mitverantwortete Begleitung für konfessionslose Jugendliche in der 8. Klasse, die den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden feiert und eine Alternative zur Jugendweihe bietet. Sie ist in Ostdeutschland entstanden, weil da ja quasi eine flächendecke Entfremdung von der Kirche stattgefunden hat.

Wie bist Du vorgegangen?

Im empirischen Teil meiner Arbeit habe ich viele Interviews geführt und unglaublich viel über die Perspektive von konfessionslosen Menschen auf Religion und Kirche gelernt. Zentral ist: Wenn es in der Familie keine Traditionslinie mit Kirche gibt, niemand den Glauben vorlebt, singt und betet, werden die Zugänge von selbst kaum gefunden. Kirche erscheint dann wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Was hat das für Dich bedeutet?

Mir wurde immer deutlicher, wie wichtig KiTas und Schulen in christlicher Trägerschaft sind, weil hier vielfach Erstbegegnungen mit Religion und Kirche stattfinden. Das ist nicht nur in Ost-, sondern auch in Westdeutschland wichtig, weil es hier große Abbrüche in der Weitergabe der eigenen religiösen Erfahrungen, des eigenen religiösen Wissens gibt. Wenn die Kirche Menschen mit einem Projekt ansprechen möchte, dann funktioniert das in der Regel nur dann, wenn der Boden schon irgendwie bereitet ist, es Anknüpfungspunkte in der in der eigenen Biografie gibt. Sonst läuft die Ansprache ins Leere. Gleichzeitig ist es entscheidend, dass wir als Kirche insgesamt möglichst barrierefrei unterwegs sind, damit das Anknüpfen nicht noch schwerer fällt als es ohnehin schon ist. Die Barrierefreiheit unserer Rituale ist dabei nur ein Thema unter mehreren. Nach der Promotion wollte ich da tiefer einsteigen – aber nicht nur wissenschaftlich, sondern mich selbst eben auch gerne in der Praxis bewähren.

Kirche im Dialog lotet, sehr verkürzt gesagt, Resonanzräume für Glaube und Kirche in der Gesellschaft aus. Wie erreicht man eine Zielgruppe, die mit Kirche nicht – mehr – viel anfangen kann?

Ja, das ist in der Tat so etwas wie die Masterfrage. Als ich die Leitung von „Kirche im Dialog“ übernommen habe, hatte ich einen gedanklichen Koffer dabei, in den ich verschiedene Dinge, über die ich vorher an der Uni nachgedacht habe, gelegt hatte: Am wichtigsten war mir, den Zugang zu Taufe, Hochzeit, Bestattung und anderen Ritualen über die Gemeinde hinaus zu erweitern und insgesamt zu vereinfachen: Wie können wir als Kirche mit unserer geistlichen Kreativität auch an anderen Orten präsenter und leichter zugänglich werden? Wie können wir hier „Kirche im Dialog“ sein? Das führte zur Gründung einer Ritualagentur hier in Hamburg, die wir dann st. moment genannt. Außerdem war mir wichtig, Gottesdienstformen zu finden, in die wir bedenkenlos Außenstehende einladen können. Daraus ist dann mit einem Team um die Kirchengemeinde Ottensen das Modell der Wohnzimmerkirche entstanden. Und drittens wollte ich gerne mehr Orte schaffen, an dem Menschen das Christentum „kosten“ können.  Wenn wir ernst machen mit Kirche im Dialog, dann müssen wir an Orten aufploppen, wo wir mit unterschiedlichen Menschen wirklich in Kontakt kommen. Zum Beispiel auf der Straße – mit der „Pop Up Church“ habe ich dann eine Idee unseres Vikariatskurses weiterentwickelt.

Wie seid ihr mit diesen Menschen in Kontakt getreten?

Die Pop Up Church ist ein Netzwerk aus jungen Kolleg*innen, das große Ereignisse im Kirchenjahr ungewöhnlich bespielt. Zum Buß- und Bettag haben wir uns zum Beispiel gefragt, wie wir das Thema „Buß- und Bettag“ gesellschaftlich anschlussfähig  übersetzen können. Als Ergebnis standen wir mit einem „Verzeih mir“-Schild in der Fußgängerzone und haben vorbeilaufenden Menschen angeboten, auf eine Glasscherbe die Namen der Menschen zu schreiben, die sie um Verzeihung  bitten wollen. Diese Scherben haben wir dann an eine große Kerze mitten auf der Straße gelegt.

Kirche im Dialog versucht alternative Zugänge zu Religion und Kirche zu schaffen. Welche Rolle spielen für Deine Arbeit digitale Kommunikationsformate?

Wir sind als Einrichtung ja eine Art innerkirchlicher Motor, eine Inspirationstelle für alle die, die tagtäglich eine Kirche im Dialog vor Ort verkörpern sollen. Deshalb adressieren wir mit den Kirche im Dialog-Kanälen in erster Linie kirchliche Mitarbeitende und versuchen sie auch auf digitalem Wege zu inspirieren, etwa durch unseren Instagramkanal @kirche_im_dialog. Auch st. moment arbeitet sehr stark über Instagram. Kirche im Dialog sind aus meiner Perspektive aber auch die sog. Sinnfluencer*innen wie Josephine Teske alias @seligkeitsdinge_ oder Steve Kennedy Henkel oder viele andere. Sie zeigen persönlich, was es heißen kann, in dieser Welt mit dem Glauben an Gott zu leben. Damit erreichen sie Menschen, die sonst weniger und manchmal auch gar keinen Kontakt mit Kirche haben.

Ab April 2023 wirst Du das Predigerseminars der Nordkirche leiten und damit für die Ausbildung Pastor*innen verantwortlich sein. Welche Kompetenzen brauchen künftige Pastor*innen, um in einer zunehmend säkularen Gesellschaft wirksam zu sein?

Wir brauchen vor allem kreative Theolog*innen, denn heute ist einfach fast nichts mehr selbstverständlich. Bei allem stellt sich die Frage: Was soll das heute heißen? Wozu brauche ich das? Was soll mir das helfen? Geistliche Kreativität ist aus meiner Sicht eine ziemlich unterschätze Kompetenz für den Pfarrberuf. Aber genau die brauchen wir für die vielfältige Übersetzungsarbeit, die heute zu leisten ist. Eine weitere unterschätzte Tugend ist aus meiner Sicht die Frömmigkeit im Sinne einer Liebe zur Sache. Menschen müssen uns abspüren können, dass uns selbst der Glaube beim Leben hilft. Dann entsteht „Glaub-Würdigkeit“.  Außerdem braucht es jede Menge Mut, um Neues auszuprobieren und Traditionen auf den Prüfstand zu stellen.

Wenn Du ein Rezept aus fünf Zutaten erstellen würdest, mit denen es Dir mit Kirche in Dialog gelungen ist, Relevanz zu erzeugen, welche wären das?

Im Grunde brauchen wir so etwas wie reformatorische Tugenden, zum Beispiel diese vier:

  • Sei so frei, die Dinge, die du vorfindest, einmal auszulüften, um zu schauen, ob sie heute noch für die Sache taugen.
  • Sei so frei, deine Gedanken und Aussagen auf das Wesentliche zu reduzieren und nicht durch immer weitere Differenzierungen irgendwann das Handeln selbst zu vergessen.
  • Sei so frei, den Stier bei den Hörnern zu packen und die Aufgaben, die sich dir stellen, offensiv anzugehen. Das Verzögern wird eher die Angst wachsen lassen als den Mut.
  • Sei so frei, nicht nur die Umstände, sondern auch dich selbst zu kritisieren. Es wird dich weiterbringen.

Noch eine letzte Frage: Welches Format ist aus Deinem Medienalltag nicht wegzudenken?

Ich gucke täglich in meinen Instagram-Feed, da bekommt man einen kleinen Einblick in das, was die Leute um einen herum täglich so beschäftigt. Instagram ist für mich gewissermaßen ein Echolot unserer Zeit. Natürlich spielt dabei auch immer eine gewisse Inszenierung eine Rolle – das bringt das Medium eben mit sich. Gleichzeitig lerne ich trotzdem etwas darüber, mit welchem Bild und welchem Worten die Menschen ihre Geschichten erzählen.

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