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Komplexe Themen kommunizieren

Ein Interview mit Journalist und Autor Mohamed Amjahid über die Herausforderung, komplexe Themen nachvollziehbar aufzubereiten und was er sich von Kirche beim Rassismus verlernen wünscht.

Mohamed Amjahid schreibt als freier Journalist unter anderem für den Spiegel und die taz. Derzeit arbeitet er an mehreren neuen Buchprojekten. Anthropologisch und journalistisch fokussiert er sich auf die Themen Menschenrechte, Gleichberechtigung und Umbrüche in den USA, Europa, den Nahen Osten und Nordafrika. Er arbeitet in vier Sprachen: Deutsch, Arabisch, Französisch und Englisch.

Mohamed, Du arbeitest an komplexen Themen. Wie schaffst Du es, die vielschichten Aspekte eines vielschichtigen Themenfeldes, wie beispielsweise Rassismus so aufzubereiten, dass die Leser*innen das Thema erfassen?

Ich versuche als Autor, aber auch als investigativer Journalist so gut es halt geht eine verständliche Sprache zu nutzen, die barrierefrei allen ein Angebot macht. Komplexe Sachverhalte in Anekdoten und Erzählungen zu transportieren ist auch eine Möglichkeit, ein möglichst breites Publikum für Phänomene wie Rassismus, Sexismus oder Queerfeindlichkeit zu erreichen. Wichtig ist: Diese Probleme gehen über die beschriebenen Fallbeispiele dann hinaus, sie illustrieren nur eine Struktur, die grundsätzlich infrage gestellt werden muss. Deswegen ist es für mich immer wieder eine Herausforderung, Recherchen anzugehen und sie dann auch so zu Papier zu bringen, dass sich Leute damit irgendwie auch gerne auseinandersetzen. Nicht jede von Rassismus betroffene Person muss lustig sein, aber Humor und unterhaltsame Formate sind auch ein Weg, viele Menschen zu erreichen. Deswegen sind auch Kultur und Kunst so wichtig: Mit Belletristik, Theater, Musik oder Serien macht man Menschen ein Angebot, sich um die drängenden Fragen unserer Zeit gedanklich zu beschäftigen. 

In Deinem Buch „Der weisse Fleck – wie man Rassismus verlernt“ gibst Du am Ende fünfzig Empfehlungen, wie wir Rassismus verlernen können. Was meinst Du mit verlernen?

Rassismus ist nicht in uns drin so als naturgegeben. Wir lernen ihn von klein auf. Im Kindergarten. Beim Medienkonsum. In der Schule. Am Arbeitsplatz. Die gute Nachricht bei dieser Definition: Was man lernt, kann man auch wieder verlernen. Ich gebe fünfzig Tipps zu Sprachgebrauch, Konsumverhalten oder politischen Aktivismus, die man befolgen kann oder auch nicht. Es ist freiwillig. Es sagt aber auch viel über jene aus, die nicht die Strukturen, in denen wir seit Jahrhunderten leben, anerkennen wollen. Antirassismus ist ein langer Prozess, den man in Institutionen (wie auch der Kirche), im Bildungsbereich oder in politischen Parteien auch eingehen wollen muss. Es ist anstrengend, aber es lohnt sich. Allein weil ich dann weniger zu nörgeln habe und dadurch alle bessere Laune bekommen. 

Du bist für Deine journalistische Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden: Unter anderem 2018 mit dem Henri-Nannen-Preis. Vorher hast Du den Medienpreis der Bayrischen Landeskirche gewonnen. Was erwartest Du von der Kirche in Sachen Rassismus verlernen?

Das Nord-Süd-Gefälle, der koloniale Blick auf die „Anderen“ dieser Welt, die Andersmachung von Minderheiten, Antisemitismus und Rassismus: Das alles wurde maßgeblich von der Kirche (egal ob evangelisch oder katholisch) mitgetragen, forciert, exportiert. Kirchenrepräsentanten strömten in alle Welt und richteten ihren kolonialen Blick auf vermeintlich unzivilisierte Völker, sie rechtfertigten die Gewalt in den Kolonien mit ihrer missionarischen Arbeit und wandten teilweise selbst Gewalt an, wie zum Beispiel gegen die First Nations in Kanada. Die Kirche muss das alles aufarbeiten. Sie hat eine Verantwortung sich ihrer Vergangenheit zu stellen und gleichzeitig kritisch auf die Verhältnisse im Jetzt zu blicken: Was bedeutet es eigentlich in der Institution Kirche, dass Repräsentant*innen aus dem sogenannten Globalen Süden gleichberechtigt mitgestalten sollen? Es braucht echte Veränderung für echte Teilhabe. 

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Mohamed Amjahid

Journalist und Autor

Politikwissenschaftsstudium in Berlin und Kairo. Volontariat beim Tagesspiegel in Berlin. Danach arbeitete er als politischer Reporter für die Wochenzeitung Die Zeit und das Zeit Magazin. Er schreibt als freier Journalist unter anderem für den Spiegel und die taz.

https://mamjahid.net/

Im Mai ist ein Gastbeitrag von Dir auf Spiegel Online erschienen, in dem es um Diversität in der Unterhaltungsindustrie ging. Gibt es Parallelen zum Journalismus?

Meine Herkunft oder meine Familiengeschichte als Kind sogenannter Gastarbeiter*innen qualifiziert mich erstmal zu nichts, alleine deswegen bin ich nicht ein besserer Journalist. Allerdings bringt eine divers zusammengesetzte Medienlandschaft automatisch mehr Perspektiven in die Berichterstattung. Es gibt dieses ulkige Beispiel: Ein Herausgeberrat, in dem fünf Männer sitzen, diskutieren über die Luxussteuer auf Hygieneprodukte für Menschen, die menstruieren. Schräg, oder? Und so verhält sich auch bei anderen Themen wie Rassismus oder Queerfeindlichkeit, wenn die Betroffenen (die sich oft sehr viel Expertise erarbeiten) fehlen, sieht man diese Probleme entweder gar nicht oder es kommt oft auch eine vorurteilsbelastete Berichterstattung bei raus. Und das kann nicht sein, das darf nicht sein. Journalismus muss immer evidenzbasiert umgesetzt werden, dabei helfen diverse Perspektiven. 

Was wünschst Du Dir von Medienmacher*innen in Journalismus und PR im Umgang mit Diversität?

Bitte nicht als schöne Fassade nutzen, so von wegen: Hier schau, wir haben einen Mohamed was schreiben lassen, wir sind vielfältig und cool. Es geht darum, diese Repräsentation auch ernst zu nehmen und die damit einhergehende Kritik auszuhalten. Das können viele Redaktionen noch nicht so gut, einige arbeiten aber hart dran. Immerhin. Das gilt nebenbei gesagt auch für andere Institutionen. Zum Beispiel die Kirche. 

Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast!

Abschließend noch ein weiterführender Vortragshinweis auf den re:publica Campus Tincon: "Die Entscheidungsräume von deutschen Redaktionen müssen diverser werden – sonst droht bald eine echte Medienkrise."

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