Eine Frau sitzt in einem Raum vor Bücherregalen und wird mit professioneller Beleuchtung und Kamera aufgenommen.

Credit: Sam-Mcghee

Content-Ideen für den Gemeinde-Alltag

Videos sind für kleine Organisationseinheiten wie den Kirchengemeinden oft eine große Herausforderung. Jochen Brenner sagt: Mit einem maximalen Fokus auf Storys und einem guten Formatkonzept können Videos gut in den Kommunikationsalltag integriert werden.

Jochen, Du bist ein Experte in Sachen Storytelling und wirst von Unternehmen und Verbänden beauftragt, ihre Markenbotschaften im digitalen Raum zu platzieren. Warum sind Geschichten dafür so wichtig?

Beim Storytelling steht immer der Mensch im Mittelpunkt. Es liegt in der Natur des Menschen, sich für andere Menschen zu interessieren. Video wirkt dabei sehr unmittelbar. Unsere Spiegelneuronen und Nervenzellen reagieren beim Zusehen so, als ob wir selbst am eigenen Leib erfahren haben, was die oder der Protagonist*in erfährt. Emotionen werden unmittelbar übertragen. Wir fühlen mit ihr oder ihm.

Inwiefern hat sich Storytelling durch die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten verändert?

Die Digitalisierung hat zu einer Art Demokratisierung geführt: Wir können heute alle Absender unserer eigenen Botschaften sein. Audio- und Videotechnik sind auf professionellem Niveau für jeden verfügbar. Daraus hat sich eine Aufmerksamkeitsökonomie entwickelt, die nach sehr eigenen Regeln funktioniert. Wer gesehen werden möchte, muss diese Regeln befolgen – oder brechen, aber auf jeden Fall kennen. Nur so wird die eigene Botschaft von den Leuten gesehen, die man erreichen möchte.

Eine gutes Stichwort: Wie schätzt Du die Chance der Kirchengemeinden ein, hier mitzumischen?

Wenn die Gemeinde eine klare Idee hat, was Kirche vor Ort ausmacht, dann hat sie gute Chancen, wahrgenommen und erkannt zu werden. Die Story entscheidet, Menschen lieben Geschichten, und in den Gemeinden liegt oft ein Schatz guter Storys vergraben, den man nur noch heben muss.

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Jochen Brenner

Journalist, Autor & Gründer

Jochen Brenner hat Jura studiert, die Henri-Nannen-Journalistenschule besucht, als SPIEGEL-Redakteur den Reporter- und Henri-Nannen-Preis gewonnen und in zwei Büchern die Lebensgeschichten von besonderen Vätern und berühmten Republikflüchtlingen aufgeschrieben. Mit seiner Agentur Momentum Data Driven Stories findet er die besten Geschichten, um Innovationen, Ideen und Produkte bekannt zu machen.

www.hamburg-momentum.de

Während der Pandemie sind in vielen Kirchengemeinden neue Erzählformate entstanden. Es wurden Gottesdienste auf Youtube gestellt. Einige Kirchengemeinden haben sogar Live Streaming Formate entwickelt.

Ich habe diese Entwicklung verfolgt und mich über das Engagement gefreut. Eine Predigt als Podcast zu veröffentlichen oder Kirchenmusik im Livestream zu bringen -  das waren wichtige vertrauensbildende Maßnahmen in einer schwierigen Zeit. Sie haben aber mit digitalen Mitteln die analoge Welt abzubilden versucht. Das funktioniert oft nicht so gut. Ich glaube, dass Gemeinden in ihrer digitalen Kommunikation jetzt eine digitale Identität finden müssen.

Wenn Du von digitaler Identität sprichst, was genau meinst Du damit?

Die digitale Identität einer Gemeinde ist das Ergebnis des Transformationsprozesses, den auch Wirtschaft und Gesellschaft zur Zeit durchleben. Es geht darum, den Markenkern der Kirche zu identifizieren und digital lebendig werden zu lassen. Die evangelische Kirche steht nach meiner Beobachtung für Tradition, Friedensarbeit und Nächstenliebe. Sie bietet Zusammenhalt, Spiritualität und Gemeinschaft. Jeder darf sich angesprochen fühlen, der im Einzugsgebiet einer bestimmten Gemeinde lebt und auf der Suche nach Sinn, Halt und Gemeinschaft ist. Auf dieser Grundlage würde ich dann digitale Formate suchen, die dieser Markendefinition entsprechen.

Was genau meinst Du mit Formaten?

Formate sind für mich Erzählideen, die ich beliebig oft wiederholen kann und die im besten Fall nicht nur von mir selbst, sondern auch von anderen Personen produziert werden können. Formate sind unterhaltsam, schaffen einen hohen Wiedererkennungswert und warten nur darauf, mit Geschichten gefüllt zu werden.

Hast Du Ideen, welche Formate für Kirchengemeinde funktionieren könnten?

In der Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen und Verbänden habe ich gelernt, dass sich am besten Format-Ideen eignen, mit denen man morgen einfach beginnen kann. Die das Produkt, also in unserem Fall die Kirchengemeinde, lebendig machen und mit einfachen Mitteln – zum Beispiel mit dem Smartphone – umsetzbar sind.

Fünf Themen Ideen, mit denen Sie morgen beginnen könnten:

Idee 1: „Zu Besuch beim ältesten und jüngsten Gemeindemitglied“
Funktion: Die Gemeinde wird als Gemeinschaft Gleichgesinnter erlebbar.

Idee 2: „Das Buch meines Lebens“: Die/der Pastor*in stellt sonntags in Form einer Buchbesprechung als Interview ihr Lieblingsbuch vor. Jeden Sonntag neu (danach KGR Mitglieder, Vikar*innen, Kantor*in…)
Funktion: Persönlich wichtige Bücher geben Einblick in die Themen Glaube, Spiritualität und Sinnsuche.

Idee 3: „Meine andere Seite“: Zu Besuch beim Kantor der in seiner Freizeit in einer Heavy-Metal-Band spielt.
Funktion: Sich von Menschen überraschen lassen und ihnen nahekommen, die Vielfalt von Gemeinde erleben.

Idee 4: „Spaziergang mit Gemeindemitglied", das gerade in die Kirche ein- oder ausgetreten ist, zugezogen, umgemeindet wurde, geheiratet hat etc.
Funktion: Das Thema Glaube erlebbar machen.

Idee 5: „Dingsda“ mit Vorschulkindern in der Kita
Funktion: Gemeinde als Heimat für alle Generationen erleben.

Wenn man dann mit der Umsetzung anfängt, worauf sollte man achten?

Ich teile hier mal meine zehn Thesen für die handwerkliche Arbeit beim Thema Video:

1. „Ton schlägt Bild.“ Guter Ton ist nicht verhandelbar.

2. „Die beste Kamera ist die, die ihr dabeihabt.“ Handy-Kameras sind mittlerweile so gut, dass man damit auf jeden Fall ausreichend gut produzieren kann.

3. „Gutes Licht gibt es überall.“ Ich würde immer erstmal alles anschalten, was da ist; es kann fast nie zu viel Licht sein.

4. „Nehmt euch Zeit für den Protagonisten.“ Je wohler sich der Mensch vor der Kamera fühlt, desto angenehmer empfindet man auch das Video. 

5. „Dreht vor dem Interview Schnittbilder. Und dann hinterher nochmal.“ Schnittbilder sind Aufnahmen, die man etwa über ein Interview legen kann.

6. „Die Investition in eine Gimbal lohnt sich.“

7. „Haltet Euer Video einfach.“ Eine Botschaft/Aussage pro Video und gut formulierte Kernaussagen. Spätestens im Schnitt stellt man fest: Es wäre immer noch kürzer gegangen - und damit auch besser ;-)

8. „Arbeit beginnt im Schnitt.“ Je weniger man dreht, desto weniger muss man sichten und desto schneller geht es im Schnitt. Bordmittel genügen.

9. „Bereitet Euch vor - aber lasst euch überraschen.“

10. „Film ist Teamarbeit.“ Am besten teilt man sich auf, wer kann was am besten und nicht vergessen: Fotografien und Videos für das Making Of!

Danke, Jochen! Das sind tolle Insights und viele praktische Tipps & Tricks, um direkt mit der Umsetzung durchzustarten!

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