Warum ist Widerspruch wichtig?
Wenn in Gesprächssituationen herabwürdigende, menschenverachtende oder rassistische Sprüche fallen, lässt uns das oft schockiert, getroffen und sprachlos zurück. Es ist meist gar nicht so leicht, sich gegen Diskriminierung zu positionieren. Aber: Aussagen, denen nicht widersprochen wird, gelten als sagbar. Die Grenzen dessen, was akzeptiert und als „normal“ erachtet wird, verschieben sich. Widerspruch bietet dem Gegenüber Alternativen zu gewohnten Denkmustern an. Vielleicht lässt die Person es sich nicht gleich anmerken, dennoch können wir mit verbalen Stoppschildern Denkprozesse anregen.
Was ist ein verbales Stoppschild?
Handlungs- und Argumentationsstrategien im Umgang mit ausgrenzenden Äußerungen können uns dabei helfen, ein verbales Stoppschild zu setzen. Wie genau dieses Stoppschild aussieht, kann von Situation zu Situation und von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Je nach dem, mit wem wir aneinandergeraten, in welcher Beziehung wir zu unserem Gegenüber stehen, ob wir im Zwiegespräch oder einer großen Gruppe sind, wie sicher wir uns in der Situation fühlen und wie viel Offenheit wir bei unserem Gegenüber vermuten. Die Hauptsache ist, dass wir reagieren, am besten schnell. Wenn wir unsere Reaktions- und Argumentationsmuskeln gut trainieren, werden wir handlungsfähiger und mit der Zeit immer schlagfertiger.
Welche Handlungsstrategien gibt es?
Die konkreten Handlungsmöglichkeiten bei der Reaktion auf ausgrenzende Äußerungen hängen davon ab, wie viel Offenheit wir bei unserem Gegenüber erwarten. Vermute ich bei meinem Gegenüber noch Offenheit, gibt es Spielraum für verschiedene Strategien. Hier kann es sich lohnen ein paar Fakten oder Zahlen parat zu haben. Weil wir jedoch nicht ständig als wandelndes Lexikon unterwegs sind, kann es hilfreich sein, zunächst nachzufragen, wie genau die Aussage gemeint war oder woher die enthaltenen Informationen stammen. Handelt es sich um eine Person, die ausgrenzende Äußerungen wiedergibt, um die Reaktionen ihrer Umgebung auszutesten und zu schauen, was sagbar ist und was nicht, lohnt es sich auf Widersprüche hinzuweisen und Positionen mit Hilfe von Ich-Botschaften zu vertreten. Bei Menschen, die nur ihren Frust loswerden wollen oder ein geschlossen rechtes Weltbild haben, ist mit den besten Argumenten nichts mehr zu erreichen. Hier gibt es kaum noch Spielraum, es bieten sich stattdessen subversive Argumentationsstrategien oder Überrumpelungsstrategien an. Die Wahl einer Strategie ist immer situationsabhängig und individuell.
Vier Fragen vor jeder Reaktion
1. Wie geht es mir gerade – bin ich in der körperlichen und psychischen Verfassung zu widersprechen?
2. Fühle ich mich in der Situation sicher genug, um zu reagieren?
3. Helfen hier noch sachliche Argumente, oder braucht es subversive Argumentationsstrategien oder Überrumpelungsstrategien?
4. Sind andere Personen anwesend, mit denen ich eine Allianz bilden kann?
Welche typischen Muster von ausgrenzenden Äußerungen gibt es?
Hinter vielen ausgrenzenden Äußerungen und Stammtisch Parolen stecken rhetorische Taktiken. Typische Muster zu durchschauen, kann helfen, schneller zu reagieren. Diese sechs Elemente sind wiederkehrend erkennbar:
1. Verallgemeinerung: Alle Menschen werden in einen Topf geworfen.
2. Flickenteppich: Aneinanderreihung verschiedener Themen.
3. Schuldzuweisung an Benachteiligte: Strukturelle Ungleichheit wird ausgeblendet und Missstände werden individualisiert.
4. Political Correctness-Vorwurf: Umkehrung von Machtverhältnissen. Gruppen, die strukturell benachteiligt sind und auf mangelnde Anerkennung, Teilhabe und Ressourcen hinweisen, werden dafür angegriffen.
5. Gefühlte Wahrheit: Die Aussage ist Ausdruck eines momentanen subjektiven Empfindens und basiert nicht auf stichhaltigen Fakten.
6. Berufung auf Meinungsfreiheit: Demokratie oder Verweise auf Grundgesetz und Meinungsfreiheit werden instrumentalisiert, um die Äußerung ausgrenzender Parolen zu legitimieren.
Welche Rolle spielt Haltung?
Viele Menschen - in Kirchengemeinden, in Sportvereinen, an ihren Arbeitsplätze und auch innerhalb von Familien, fragen sich, wie sie im täglichen Gespräch gut reagieren können, wenn sie mit menschenverachtenden Aussagen konfrontiert sind. Dabei spielt die eigene Haltung eine wichtige Rolle. Sie drückt aus, aus welchen Selbstverständnis heraus, Reaktion gestaltet werden kann. Bestenfalls ohne moralisierend zu sein, sondern auf Augenhöhe. Dazu hilft es, unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten auszuprobieren und diese zu reflektieren.
Der ausführliche Leitfaden zur Weiterarbeit
In Zusammenarbeit mit der Anti-Bias-Praxis der KWB, Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e. V. hat die Evangelische Medienakademie ein dreistündigen Online-Training für Haupt- und Ehrenamtliche der Nordkirche durchgeführt. Basierend auf diesen Online-Trainings wurde ein Leitfaden erstellt. Der Leitfaden beinhaltet Hintergrundwissen, praxisnahe Übungen, dokumentiert unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten und regt zur weiteren Auseinandersetzung an.
Das Leitfaden Redaktions- und Trainerinnenteam
Die dreistündige Online-Schulung “Umgang mit ausgrenzenden Äußerungen - Verbales Stoppschild setzen" bietet die Anti-Bias-Praxis für Organisationen an, die für ihre Mitarbeitenden oder Mitglieder mehr Sicherheit im Umgang mit diskriminierenden und ausgrenzenden Äußerungen schaffen wollen.
Dr. Rita Panesar KWB e. V.
Silke Potthast KWB e. V.
Anika Dickmann KWB e. V.
Luisa Neumann KWB e. V.